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Den Atem spüren

Meditieren ist kein ominöses Esoterikspielchen. Es hilft, mit innerer Unruhe besser umzugehen und sich bewusster wahrzunehmen. Dafür braucht es nicht viel. Man muss nur regelmäßig üben.

VON ALEXANDRA BÜLOW

Auf dem Boden hocken, die Beine kunstvoll ineinander verschlungen, Augen geschlossen, „Ooooom“ murmeln und alle Gedanken

verbannen. So stellen sich viele Menschen Meditation vor. Das ist aber nur ein Aspekt. „‚Wir atmen uns ruhig‘ ist es nicht“, sagt Maren Schneider, Meditationslehrerin und Buchautorin in Düsseldorf. Es geht auch nicht darum, mit dem Denken aufzuhören. Meditare, so Schnei- der, bedeute übersetzt „nachsinnen“, im Tibetischen auch „sich mit etwas vertraut machen“. Tatsächlich macht sich der Meditierende vertraut damit, wie der Geist auf Geschehnisse und Erlebnisse reagiert. Ein Beispiel: Man hört jemanden vom Urlaub reden oder sieht ein Bild von Meer und Strand. Dies löst etwas in einem aus. Einfach wegzufahren geht aber nicht in jeder Lebenssituation. „Man steckt mitten in der Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was man haben möchte“, erklärt Schneider. Das Problem ist, dass dies eine Gedankenspirale auslösen kann.

Mithilfe von Meditation lässt sich lernen, solche Gedankenspiralen zu erkennen und die Aufmerksamkeit

auf etwas Neutrales zu lenken. „So verschwindet das Stressbild, denn man beschäftigt sich mit etwas anderem“, erklärt Schneider. Das kann der Atem sein, ein Mantra, also ein gesungener oder gesprochener heiliger Vers, ein „Ooommm“ oder eine Bewegung.

„Es gibt verschiedene Formen der Meditation“, sagt Wolfgang Pfeifer, Meditationstrainer und Besitzer der Pension Aufatmen im österreichischen Tirol. „Für Einsteiger ist eine Bewegungsmeditation eine gute Sache.“ Dabei geht es darum, eine bestimmte Abfolge von Bewegungen zu lernen, sodass sich die Gedanken auf den Rhythmus fokussieren.

Den Gedanken einen Anker geben

„Man gibt den Gedanken damit einen Anker“, sagt Pfeifer. Dieser Anker kann auch der Atem sein. So setzt man sich auf einen Stuhl mit gerader Haltung, aber entspannt, Füße auf den Boden, Hände auf die Oberschenkel. Die Augen müssen nicht unbedingt geschlossen sein. Und dann horcht man aufmerksam in sich hinein: Wo ist der Atem gerade gut fühlbar? In der Nase, im Rachen, im Brustkorb? „Man bleibt an dem Punkt, wo man es schön findet, den Atem zu spüren“, sagt Schneider.

Hier fühlt man den Atem nun ganz

bewusst. „Man kann auch die Hand
auf den Unterbauch legen und spüren, wie sich der Bauch beim Einatmen hebt“, erklärt Pfeifer. „Dieses bewusste Spüren mache ich ein bis drei Atemzüge lang, dann folgt eine kurze Pause“, sagt Schneider. Der Geist
wehrt sich gegen die Nichtbeachtung
und schiebt immer wieder Bilder und Gedanken in den Kopf: den Arztbesuch am Nachmittag, den Gesprächspartner, der nicht zugehört hat. Wir sind in der Vergangenheit oder in der Zukunft, nur nicht im Hier und Jetzt.

Kurskosten werden teilweise übernommen

„Einige können sich sehr gut versenken, andere werden anfangs noch nervöser, als sie es ohnehin schon sind“, sagt Ulrich Ott, Neurowissenschaftler und Meditationsforscher an der Uni Gießen, der seit 25 Jahren meditiert. Anfängern empfiehlt er, sich von einem Lehrer unterstützen zu lassen, etwa in einem Kurs. Die anfallen- den Kosten werden teilweise von den Krankenkassen erstattet.

Schneider rät, die Aufmerksamkeit bewusst von den Gedankenspiralen wegzulenken, wieder den Atem zu spüren. Funktioniert das nicht, lässt man es auf sich beruhen. Gerade am Anfang sind wenige Minuten sinnvoll – Hauptsache, regelmäßig: einfach mal aus dem Fenster blicken und da- bei dem Atem nachspüren.

Training in Selbstregulation

„Meditieren ist für jeden geeignet“, sagt Pfeifer. Wer nämlich regelmäßig meditiert, geht mit der Zeit aufmerksamer mit sich selbst um und gerät nicht mehr bei jedem Stressauslöser in Panik. „Meditation ist aus meiner Sicht ein Training in Selbstregulation“, sagt Ott. „Man lernt, sich zu entspannen, zu konzentrieren und sich emotional zu klären.“

Wer sich dennoch nicht wohlfühlt beim Meditieren, sollte sich, so Ott, nicht quälen. Vielleicht löst bei ihm etwas anderes meditative Zustände aus – aufs Wasser schauen, buddeln im Garten. Oder, wie bei Ott, der Spaziergang im Wald.

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